Das Auf und Ab der Hormone im weiblichen Zyklus bringt für viele Frauen eine Reihe von körperlichen und psychischen Symptomen mit sich. Beschwerden, die in den Tagen vor der Regel auftreten, werden als Prämenstruelles Syndrom (PMS) bezeichnet und Symptome während der Menstruation unter Regelschmerzen (oder Periodenschmerzen) zusammengefasst.
Was man selbst tun kann, um Symptome zu verbessern und welchen Einfluss ein gesunder Lebensstil hat, erfährst du hier in diesem Artikel aus dem Gespräch mit Vanessa Hilzinger
In diesem zweiten Teil der Interviewserie zu Hormonen und Frauengesundheit sprechen wir über Erfahrungen mit dem Thema Regelbeschwerden aus der Praxis als Ärztin mit Schwerpunkt Frauennaturheilkunde in Freiburg.
Ebenso gibt sie Hinweise und Tipps, was man selbst tun kann, um Symptome zu erkennen.
PMS und Regelschmerzen: Fragen an die Expertin!
Wer schon einmal Symptome von Regelschmerzen oder PMS (Prämenstruelles Syndrom) erlebt hat, weiß, wie unangenehm das ist. Sie können Maße annehmen, dass der Alltag eingeschränkt ist. So vielfältig wie das Leiden im Kontext des Menstruationszyklus sind die Ursachen.
Gesichert gilt jedoch, dass
- ein ungesunder Lebensstil,
- negativer Dauerstress sowie
- seelische Belastungen
alle Arten von Beschwerden im Kontext der monatlichen Menstruation begünstigen.
Es gibt eine Reihe an Studien zur Häufigkeit von Regelbeschwerden. Die Zahlen variieren je nach Definition und Erhebungsform. Hört man sich jedoch mal im Bekannten- und Freundeskreis um, wird schnell klar: Eine große Zahl von Frauen sind betroffen oder betroffen gewesen.
Wie gut kennen, deiner Erfahrung nach, Frauen ihren Menstruationszyklus?
Das ist super unterschiedlich. In meiner Praxis für Frauennaturheilkunde kommen eher Frauen, die sich mit Ihrem Menstruationszyklus auseinandergesetzt haben und eine Form von Zyklus-Dokumentation nutzen.
Ist das nicht der Fall, vergessen viele Frauen im Alltag, welche Beschwerden im letzten oder vorletzten Zyklus aufgetreten sind oder den 1. Tag der Regel, der jedoch für die Einordnung der Beschwerden in den Zyklus wichtig ist. Damit Frauen mit Ihrem Zyklus verbunden sind, hilft es, sich Notizen zu machen. Hilfreich kann es sein, sich die Eckdaten (wie den Beginn der Menstruation) und eventuelle Beschwerden aufzuschreiben.
Das kann als Zusatz im Kalender oder mit Hilfe einer Zyklus-App vermerkt werden. So kann ich Muster erkennen, denn häufig kommen Beschwerden / Stimmungen immer wieder zu ähnlichen Zeitpunkten im Zyklusverlauf: Der Nebeneffekt ist, dass Frauen verbundener mit ihrem Zyklus werden und manchmal erst dann den Zusammenhang der Beschwerden dazu herstellen können.
Hilft die Pille gegen PMS-Symptome? Das wird häufig empfohlen.
Frauen, die die Pille nehmen, haben keinen eigentlichen Zyklus, denn dieser wird von den eingenommenen Hormonen überlagert. Tatsächlich hat ein großer Teil der Frauen, die mit Pille verhüten, keine, andere dagegen haben starke PMS Beschwerden wie Brustspannen.
Dies hat dann aber damit zu tun, dass die Hormone aus der Pille die Hormonrezeptoren besetzen und die körpereigenen Hormone nicht mehr wirken können. Es wird ein künstlicher “Progesteronmangel” erzeugt. Die Pille kann also helfen, beschwerdefrei zu werden, aber sie unterstützt nicht die Regulation des körpereigenen Hormonsystems und funktioniert nicht für alle Frauen.
Leistungsfähigkeit über den Zyklus hinweg: Sind Leistungseinbußen zu akzeptieren?
Wenn das so ist, lohnt es sich immer zu prüfen, ist das in jedem Zyklus so oder was habe ich im Zyklus davor anders gemacht?. Wenn es nur punktuell auftritt, hatte ich vielleicht den Zyklus davor mehr Stress oder eine höhere Belastung.
Oft ist die Phase zwischen Eisprung und Menstruation eine Phase des Rückzugs, in der Frauen weniger Energie haben können. Dann lohnt es sich, auf den Körper zu hören und zu schauen, was brauche ich gerade eigentlich wirklich? Hier kommt die Selbstfürsorge mit ins Spiel.
Frauen sind zyklische Wesen und als solche ticken wir nicht 28 Tage im Monat immer gleich. Auch wenn der gesellschaftliche Rahmen dafür oft nicht da ist, lohnt es sich hinzuschauen, was es tatsächlich braucht und sich die notwendigen Auszeiten zu gönnen.
Übersteigen die Leistungseinbußen das, was Frau bereit ist hinzunehmen, gibt es naturheilkundliche Mittel, die unterstützend wirken.
Wäre es sinnvoll, es jüngeren Frauen schon im Teenageralter Wissen zum Thema Zyklus mitzugeben?
Das ist Aufgabe der älteren Frauen. Und damit meine ich Frauen ab 30, 40. Oft sind das Mütter, Tanten oder andere weibliche Bezugspersonen, die Kontakt zu den jungen Frauen haben. Es geht zuallererst darum, wie wir es vorleben.
Wenn wir in Kontakt mit uns sind und darüber kommunizieren, bekommen das die jungen Frauen mit. Wie wird in der Familie mit dem Thema Menstruation umgegangen? Wie gehen Mütter, Schwestern und Tanten mit ihrem Zyklus um?
Prinzipiell erlebe ich bei den ganz jungen Frauen eine große Offenheit dafür, Ihren Zyklus bewusst wahrnehmen und verstehen zu wollen. Manchmal habe ich hier aber Töchter sitzen, deren Mütter wollen, dass sie herkommen, z.B. wegen Krämpfen bei der Menstruation und ich spüre, dass sie eher skeptisch sind.Wenn sie aber die Bereitschaft mitbringen, die Therapie ein oder zwei Zyklen auszuprobieren und merken, dass es tatsächlich hilft, sind sie oft begeistert. Sie fühlen sich nicht mehr so ausgeliefert und spüren, dass sie das hormonelle und körperliche Geschehen beeinflussen können. Das macht einen großen Unterschied!
Dieses Wissen zu vermitteln liegt in unserer Hand. Heutzutage haben Jüngere durch das Internet ganz andere Möglichkeiten, Informationen zu finden. In jede Richtung.
Da ist immer nur das Einordnen schwieriger. Wie beim Fitness-Training. Informationen sind alle online, das Einordnen fällt vielen schwer.
Hast du den Eindruck, das Leid um den Zyklus herum ist in den letzten 10, 20 Jahren mehr geworden?
Das ist möglich, jedoch ist auch das Bewusstsein für den weiblichen Zyklus gewachsen und das Thema ist deutlich weniger tabuisiert.
Viele Frauen haben den Wunsch zu spüren, dass sie zyklisch sind und danach leben. Wir haben erkannt, dass wir nicht genauso funktionieren müssen wie Männer, die nicht 4-Wochen Zyklen haben.
Was ist Dein Tipp für die Männer respektive für den Partner oder die Partnerin zum Umgang?
Für beide gilt es offen zu sein und über Beschwerden wie Stimmungsschwankungen oder körperliches Unwohlsein zu kommunizieren. Gerade in der Zeit vor der Menstruation sind Frauen manchmal deutlich reizbarer, dünnhäutiger oder verlieren schnell die Geduld. Zu erkennen, dass es eine hormonelle Ursache gibt, kann hilfreich sein und im Zweifelsfall wollen Frauen in den Arm genommen werden. Was noch keiner geholfen hat ist der Satz: “Ah, verstehe, du bekommst Deine Tage”, der oft wertend ist.
Ein bisschen Humor schadet sicher nicht, oder?
Absolut! Kann man heutzutage besser über Zyklus-Themen, wie PMS-Beschwerden sprechen? Gibt es mehr Offenheit in der Arbeitswelt?
Die Frauen berichten, dass in überwiegend jungen Teams es immer mal wieder Thema ist und offen kommuniziert werden kann. Letztendlich hängt das von der Frau selbst ab, ob sie am Arbeitsplatz darüber sprechen mag oder nicht. Von denen, die das tun, höre ich, dass es sehr entlastend sein kann, v.a. wenn ihnen Verständnis entgegen gebracht wird. Aber noch viel zu häufig ist es ein Tabu und Frauen stehen Tage, an denen es ihnen zyklustechnisch nicht gut geht, einfach durch.
Ist das Scham? Oder der Gedanke „etwas stimmt nicht mit mir?“
Das ist sicherlich zum einen Scham und zum anderen, dass Frauen das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden. Der Satz „Die hat eben ihre Tage” ist bewertend und wird dem, was manche Frauen in der Zeit erleben, nicht gerecht. Es hilft, wenn man selbstbewusst damit umgeht und Männern etwas Verständnis zutraut. Woher sollen sie es sonst wissen?
Zyklus-Journal und Zyklus-Apps: Muster im Zyklus erkennen
“Schau dir mal Deinen Zyklus an und versuche so weit es geht, Dein Leben danach auszurichten.” Ist das empfehlenswert?
Ich finde, es fördert das Verständnis für sich selbst. Wenn ich verstehe, dass es Muster sind, die sich immer wieder wiederholen, kann ich anfangen, nach Lösungen zu suchen. Es kann helfen, liebevoller und geduldiger mit sich umzugehen.
Denn wenn man sich in der Zeit vor der Menstruation nicht mehr wiedererkennt, ist das nicht nur für das Umfeld anstrengend, sondern vor allem für die Frau selbst, die darunter leidet und sich in dieser Phase manchmal selbst nicht wiedererkennt. Es ist eine Einladung genau hinzuhören:
Was benötige ich in dem Moment? Ich stelle diese Fragen den Frauen in der Beratung und die Antworten ähneln sich: Mein Bett, Ruhe und meine Wärmflasche sind die gängigsten Antworten. Für viele ist es eine Phase des Rückzugs und wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der dafür wenig Platz ist. D.h. erst mal geht es wirklich darum, das eigene Bedürfnis wiederzuerkennen, auf sich zu hören und weg von der Leistung kommen. Dafür ist zwischen Menstruation und Eisprung Zeit!
Wenn das nicht ausreichend oder möglich ist, kann ich mit naturheilkundlichen Mitteln unterstützen. Denn die gesamte prämenstruelle Symptomatik hängt mit einem hormonellen Ungleichgewicht zusammen.
Zyklus-Apps sind praktisch, aber die Daten nicht sicher. Empfiehlst du eher ein handschriftliches Journal?
Alle Zyklus- Apps sammeln Daten, daher lohnt es sich, die Anbieter zu vergleichen und das Kleingedruckte zu lesen. Die Daten, die in die App eingetragen werden, sind oft sehr intim. Wann fängt die Blutung an? Wie stark ist sie? Wie fühlt sich eine Frau im Zyklusverlauf? Wie sieht der Zervixschleim aus? Wann hat eine mit ihrem Partner geschlafen? Ich glaube, vielen ist oft gar nicht klar, wieviel da an Informationen gesammelt wird.
Dennoch sind Apps natürlich praktisch, denn das Handy haben die meisten überall dabei. Ich bin ein Freund von der Papierversion. Dafür gibt es gute Vorlagen zum Ausdrucken online, z.B. von NFP, natürlicher Familienplanung oder der BZgA.
Fazit & Tipps zur Linderung von PMS und Periodenschmerzen
Mach dir Notizen in einem Zyklus-Journal und lerne Deinen Menstruationszyklus kennen!
Notiere Eckdaten Deiner Periode und vermerke körperliche Symptome sowie Stimmungen. Damit sind Muster sowohl für Dich als auch für Deine behandelnde Ärztin besser erkennbar und behandelbar.
Nutze m. E. eine Menstruations-App, achte jedoch auf den Datenschutz und gebe keine hochsensiblen, privaten Informationen ein!
- Nutze Hilfsmittel und sorge für einen gesunden Lebensstil!
- Versuche selbstbewusst und offen mit Beschwerden umzugehen!
- Gehe mit dir selbst verständnisvoll um und achte auf Deine Bedürfnisse.
- Treibe regelmäßig Sport und achte auf eine ausgewogene Ernährung, die dir guttut.
- Hole dir professionellen, ärztlichen Rat.
Das zyklusgerechte Training unterstützt Dich dabei, regelmäßig Sport zu treiben, dabei aber angepasst an die körperlichen Voraussetzungen in jeder Zyklusphase.
Damit du langfristig gesund und fit bleibst, empfehle ich gerade Frauen sehr gern das zyklusangepasste Muskelaufbautraining, ergänzt mit dem Ausdauertraining nach Zyklus.
Welche Trainingsschwerpunkte gesetzt werden, ist abhängig von deinen persönlichen Vorlieben und dem Fitnessziel.
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